Mein bisheriges Leben (2023)
Zehn Jahre nach dem letzten längeren Text über mein Leben versuche ich, einen neuen zu schreiben. Teilweise hat sich meine Sicht der Dinge verändert.
Ich wurde im Oktober 1983 in eine gebildete, säkulare Familie der Wiener Mittelschicht geboren. Meine Mutter war Volksschullehrerin, mein Vater Ingenieur. Beide gingen regelmäßig arbeiten und verdienten immerhin so viel Geld, dass wir uns 1995 ein eigenes Reihenhaus in Wien leisten konnten. Zuvor lebten wir in einer Genossenschaftswohnung. Religion spielte in unserer Familie keine Rolle. Meine Eltern entschieden sich sogar dazu, mich nicht taufen zu lassen. Ich sollte als Erwachsener selbst entscheiden, ob ich einer Religonsgemeinschaft beitreten wollte. Aus Gründen der Brauchtumspflege feierten wir zwar Weihnachten und Ostern, maßen diesen Festen aber keine religiöse Bedeutung bei.
Kurz vor meinem sechsten Geburtstag wurde ich eingeschult - ein Jahr frühzeitig. Das ging vor allem auf die Initiative meines Vaters zurück, der meinen Schulbesuch für längst überfällig hielt. Immerhin konnte ich schon lesen, schreiben und rechnen. Ich kam in eine Schule, die zwar vom Staat finanziert wurde, aber relativ elitär war und in der es fast nur Kinder von Akademikern gab. Selbst in diesem ausgelesenen Milieu war ich meinen Altersgenossen - besser gesagt: meinen im Durchschnitt um ein Jahr älteren Mitschülern - geistig weit überlegen. Meinem Vater bin ich auch dankbar, dass er mich auf dem Gebiet der Mathematik gefördert und mit mir bereits im Volksschulalter Aufgaben aus der gymnasialen Oberstufe gerechnet hat, darunter auch Beispiele, die mit der Differentialrechnung zu tun hatten.
Im Großen und Ganzen musste ich in der Schule nur Vokabel lernen, der Rest flog mir einfach so zu. Bei meinen Lehrern war ich teilweise recht beliebt, manche sahen mich aber auch kritisch. Oft wurde mir nachgesagt, ich könne nicht mit Menschen umgehen oder sei unfähig, mich in die Klassengemeinschaft zu integrieren. Das wage ich aber zu bezweifeln, weil immerhin zweimal die Woche Mitschüler zu mir nach Hause kamen, um gemeinsam Computerspiele zu spielen.
Im Sport war ich immer unfähig und im Handwerklichen eher ungeschickt. Es ist allerdings erstaunlich, welche Werkstücke ich trotzdem zusammengebracht habe. Eine Schwäche stellte auch das Auswendiglernen von Texten dar. Allerdings verlangte nur die Biologielehrerin am Gymnasium die wortgetreue Wiedergabe des Lehrstoffs.
Die Schule war für mich also kein Problem. Ich war immer Vorzugsschüler und habe mit Auszeichnung maturiert. Interessanter war, was ich in meiner Freizeit machte. Eine Woche vor meiner Einschulung bekam ich einen Commodore 64, meinen ersten Computer. Ich war nicht nur von den Spielen fasziniert, die es bereits gab, sondern dachte mir auch eigene Spiele aus und entwarf Skizzen davon. Außerdem las ich Spielezeitschriften. Im Alter von acht Jahren wollte ich schließlich meine Ideen umsetzen und begann, mir Grundkenntnisse der Computerprogrammierung in der Programmiersprache BASIC anzueignen. Ich erwarb mein Wissen im Selbststudium aus Zeitschriften und Büchern, ohne einen Mentor zu haben, der mir etwas beibringen konnte.
Als ich elf war, brachte mein Vater ein Exemplar der Zeitschrift PC-Heimwerker nach Hause. Diese Zeitschrift wies die Besonderheit auf, dass sie keine fest angestellte Redaktion hatte, sondern die Beiträge von den Lesern gestaltet wurden. Nachdem bereits ein Jahr zuvor die Zeitschrift SEGA Magazin eine Spielerezension von mir veröffentlicht hatte, wurde ich nun regelmäßiger Autor für den PC-Heimwerker. Dabei knüpfte ich mit anderen Autoren brieflichen Kontakt, und durch diese Brieffreundschaften lernte ich die Computerszene und die elektronischen Zeitschriften, die so genannten Diskmags, kennen. Als mich ein junger Deutscher aus Halle an der Saale anschrieb, weil er ein eigenes Diskmag gründen wollte, entwickelte ich für ihn eine grafische Benutzeroberfläche - prompt ernannte er mich zum Mitherausgeber. Die nächsten achtzehn Jahre war diese Zeitschrift ("Hugi") mein Lebensmittelpunkt: Ich investierte fast meine gesamte Freizeit in die Arbeit daran. Es gelang mir, aus Hugi eines der größten Diskmags zu machen, das - sobald ich zur englischen Sprache gewechselt hatte - auf der ganzen Welt zahlreiche Leser fand und in einschlägigen Bestenlisten auf Platz eins geführt wurde.
Erwähnenswert ist auch, dass ich im Alter von dreizehn Jahren an einem Mathematikolympiadenwettbewerb für Schüler der gymnasialen Unterstufe teilgenommen und von 149 Teilnehmern den zweiten Platz gemacht habe. Seit damals galt ich meinem Mathematiklehrer als "hochbegabt".
Die Jahre vergingen. Ich machte Matura und musste mich für ein Studium entscheiden. Aufgrund meiner Computerkenntnisse dachte ich zwar an ein Informatikstudium, war mir aber unsicher, ob ich ein wirklich guter Informatiker sein würde. Diese Schwäche nutzte mein Vater aus, um mich zu einem Medizinstudium zu überreden. Ich gab nach und schrieb mich für Medizin ein. Eigentlich eine idiotische Studienwahl, wo doch in der Medizin Mathematik keine Rolle spielt und man viel auswendig lernen muss, und im Auswendiglernen bin ich ja noch nie gut gewesen. Aber in meiner Verzweiflung war mir alles recht.
Das Medizinstudium begann mit Vorlesungen über Chemie und Physik. Der Vortragende in Chemie, Prof. Goldenberg, nahm den Stoff in Form von Fragen durch, die das Nachdenken anregten. Mir gefiel diese Vorlesung sehr gut. Auch Physik fand ich intellektuell stimulierend, und im Zuge der Vorbereitung auf das Teilrigorosum aus Physik entstand ein Büchlein mit Zusammenhängen und Analogien, auf die ich beim Lernen selbst gestoßen bin, ohne dass sie ausdrücklich in irgendeinem Lehrbuch gestanden wären. Auf beide Teilrigorosen bekam ich die Note "sehr gut". Schließlich gelang es mir auch im nächsten Fach, Biologie, ein "sehr gut" zu bekommen. Ich war überglücklich und glaubte bereits, dass mir der Nobelpreis sicher wäre.
Aber dann kam die Anatomie. In diesem Fach war wirklich nur mehr Auswendiglernen gefordert. Ich schwächelte bei den Zwischenprüfungen im Sezierkurs und fiel schließlich sogar bei der Abschlussprüfung durch. Mein Vater war ganz außer sich - wie konnte es sein, dass sein Sohn durchgefallen war, wo es doch auch Studenten gegeben hat, die diese Prüfung mit Bravour bestanden haben? Er wollte mir einfach nicht glauben, dass ich eben nicht gut im Auswendiglernen war.
Dass ich gelegentlich die eine oder andere Prüfung wiederholen musste, war aber nicht weiter schlimm. Letzten Endes bestand ich das Medizinstudium. Allerdings hatte ich bei den Praktika gemerkt, dass mir die handwerklichen Routinetätigkeiten eines Arztes, wie etwa die Blutabnahme, Schwierigkeiten bereiteten. Somit war klar, dass ich wahrscheinlich nicht geeignet sein würde, als Arzt zu arbeiten. Das war der Grund, warum ich nach drei Jahren Medizinstudium zusätzlich auch Medizinische Informatik und nach dem Bachelor-Abschluss den Master-Studiengang Computational Intelligence inskribiert habe. Speziell das Masterstudium bereitete mir große Freude, konnte ich mich doch darauf spezialisieren, was mich an den Computerwissenschaften am meisten interessiert hat: nämlich auf Algorithmen, formale Logik und Theoretische Informatik.
Während meiner Studienzeit war ich Mitglied in mehreren Vereinen gewesen. Unter anderem war ich bei einem Verein namens "Club Biotech", der von zwei Studenten der Veterinärmedizin gegründet worden war und der Vernetzung der Life-Sciences-Studenten diente. Weiters war ich bei Mensa, dem Verein für Hochintelligente. Mit Mensa verbinden mich eher negative Erfahrungen. Während für viele Mensa der Ort ist, an dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf intellektuell Ebenbürtige treffen, war das Publikum bei Mensa weit weniger elitär als meine Mitschüler in Volksschule und Gymnasium. Mensa war der einzige Ort, an dem ich Erwachsene antraf, die nicht studiert hatten und auch nicht wollten, dass ihre Kinder Akademiker werden. Es war auch der einzige Ort, wo es Leute gab, die versuchten, mich zum Studienabbruch zu bewegen, damit ich "endlich arbeiten gehe wie ein anständiger Mensch". Allerdings habe ich durch Mensa den habilitierten Mediziner und Pharmazeuten Dr. Uwe Rohr kennengelernt, der sich bereit erklärte, mit mir zusammen wissenschaftlich zu arbeiten. So bin ich zu einigen Publikationen gekommen, wobei das Thema dieser Arbeiten durchaus interessant war: Es ging um die Behandlung von Krebs und schweren psychischen Krankheiten mit Hilfe von Pythoöstrogenen, die Uwes Meinung nach Stresshormone in Immunitätshormone umwandelten. Inbesondere die Idee, Krebs zu behandeln, indem man Krebszellen in funktionierendes Gewebe umwandelt, kam bei mir an. Sie ging auf das Paradigma "Modify and Repair" zurück, das von amerikanischen Wissenschaftlern der Harvard-Universität postuliert worden ist. Ich verallgemeinerte es zu einem neuen Paradigma namens "Symbiont Conversion": Parasiten, die den Körper schädigen, sollen zu Symbionten umgewandelt werden, die dem Wirtsorganismus nützen. Eine theoretische Arbeit darüber veröffentlichte ich zwei Jahre, nachdem Uwe verstorben war, im Internet - leider war bislang kein wissenschaftliches Journal dazu bereit, sie abzudrucken.
Ich versuchte mich auch in der Politik, zuerst bei der Österreichischen Medizinerunion, dann bei den Jungen Liberalen, für die ich bei den Hochschülerschaftswahlen 2011 an der Medizinischen Universität Wien als Spitzenkandidat antrat und mit dem Posten eines Ersatzmandatars an der Technischen Universität Wien belohnt wurde. Dabei machte ich die Erfahrung, wie wenig Gestaltungsmöglichkeiten man als Angehöriger einer kleinen Fraktion in der Realität hat. 2017 und 2019 kandidierte ich für die Partei NEOS, einmal bei der Nationalratswahl und einmal bei der Wahl zum Europäischen Parlament, allerdings an unwählbarer Stelle. Schließlich erkannte ich, dass meine Zukunft nicht in der Politik lag, und zog mich aus ihr zurück.
Mein Berufsleben fing mit einem Praktikum bei einer kleinen Web-Entwicklungs-Schmiede an. Danach arbeitete ich ein halbes Jahr als Sekundararzt in einem Wiener Gemeindespital, doch mein Dienstvertrag wurde mit der Begründung, ich sei für den Arztberuf nicht geeignet, weil ich handwerklich und sozial ungeschickt sei, nicht verlängert. So kam es, dass ich schließlich hauptberuflicher Software-Entwickler wurde. Ganze fünf Jahre war ich bei einer sehr kleinen Firma beschäftigt, deren Hauptprodukt ein Programm für die Berechnung und Visualisierung von Wärmebrücken war. Für diese Firma entwickelte ich unter anderem einen Mesh Voxelizer zum Importieren von mit CAD-Programmen erstellten 3D-Modellen. Danach wechselte ich einige Male den Arbeitgeber, bis ich schließlich wieder in einer Firma landete, deren Schwerpunkt auf Computergrafik lag.
Nebenbei habe ich mehrere Computerspiele entwickelt. Am meisten Zeit und Energie hat mich mein Versuch gekostet, die Engine des Spiels Shining Force 2 von der Firma SEGA nachzuprogrammieren. Daraus entstand 2016 das Spiel Mega Force, dem 2019 Mega Force 2 und 2023 Immunity Force folgten - ihres Zeichens rundenbasierte, taktische Rollenspiele. Erwähnenswert sind auch das Zauberwürfelspiel Adok's Magic Cube und das Mathematik-Edutainment-Spiel Adok's Number Maze.
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