Über das Anderssein

Ich finde es noch grotesker als damals, als es mir passiert ist, dass ich bei einem Praktikum im Krankenhaus als Medizinstudent zur Psychologin geschickt wurde und sie ihr Gespräch mit den Worten anfing: "Hat Ihnen jemand jemals gesagt, dass Sie 'anders' seien?"

Damals war ich es nämlich noch gewohnt, mich an die Vorstellungen anderer Menschen anzupassen. Inzwischen lebe ich schon seit Jahren alleine und habe die letzte Zeit sogar im Home-Office gearbeitet. Da konnte sich meine Individualität entfalten.

Nun ist mir klar, wie grotesk die damalige Situation war. Schließlich liegt auf der Hand, dass ich anders bin als die meisten Mediziner. Ich wollte ja gar nicht Arzt werden und habe Medizin nur studiert, weil es der Wunsch meines Vaters gewesen ist. Dass man aber gleich zu einer Psychologin geschickt wird, weil man sich anders verhält als die anderen Kollegen, ist doch eine Überreaktion.

Als ich daran gedacht habe, habe ich mich wieder daran erinnert, wie ich immer Schwierigkeiten mit Menschen gehabt habe, die ständig ausgesprochen haben, was sie sich gedacht haben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, anstatt still nachzudenken und erst dann zu reden, wenn man zu Konklusionen gekommen ist, wie ich das gemacht habe.

Mir ist ein zögerlicher Arzt lieber als einer, der sich seiner Sache immer sicher ist, aber Fehler macht.

Jedenfalls verstehe ich jetzt wieder besser, warum ich unbedingt einen Doktortitel haben wollte: Vielen Menschen ist mit Argumenten nicht beizubekommen. Man muss Autorität ausstrahlen. 

Im Myers-Briggs-Typenindikator schneide ich als INTP ab. Einen Arzt stellt man sich als das genaue Gegenteil vor, nämlich als ESFJ.

Es wäre gut gewesen, wenn ich schon vor dem Studium mit der Persönlichkeitstheorie von CG Jung vertraut gewesen wäre. Denn das hätte zum Teil erklärt, warum ich trotz meiner hohen Intelligenz in den meisten Fächern außer den naturwissenschaftlichen Grundlagen nicht so gute Noten bekommen habe. Mediziner sind sehr detailversessen. Mich interessieren Details hingegen nur, wenn sie für das Verständnis relevant sind.  

Auch in dieser Beziehung hat mein Vater einen schweren Fehler gemacht: Er hat nämlich immer behauptet, dass es nur zwei Arten von Menschen gäbe, "normale" und "schwachsinnige". Und so jemand hat Psychologie studiert. 

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