Betrachtungen zu meinem Lebensweg als Erwachsener
Zunächst sei gesagt, dass ich keinen Menschen kennengelernt habe, der einen ähnlich guten Charakter hat wie ich. Die meisten denken nur an ihr eigenes Wohlergehen, manche sind sogar kriminell. Deswegen glaube ich auch gar nicht, mit meinen Postings allzu viele Menschen anzusprechen. Ich führe sie eher wie ein persönliches Tagebuch.
Durch meine Schullaufbahn glaubte ich mit 17 bereits genug Bildung angehäuft zu haben. Ursprünglich hatte ich vor, schnell ein Informatikstudium zu absolvieren und danach als Programmierer arbeiten zu gehen. Leider plagten mich nach meiner Maturareise Selbstzweifel, weil ich vor Augen geführt bekommen hatte, dass ich anders bin als meine Mitschüler: Sie gingen alles viel lockerer an, ließen sich gehen und genossen das Leben. Ich fragte mich, warum ich mich immer so angestrengt hatte, obwohl ich letzten Endes auch nur die Matura und nicht mehr als alle anderen erreicht hatte. In dieser Lebenskrise glaubte ich, dass ich für ein Informatikstudium zu blöd sei. So konnte mich mein Vater zu einem Medizinstudium überreden.
Im letzten Schuljahr hatte ich einige Bücher über Molekulargenetik gelesen. Es handelte sich um ein meiner Meinung nach durchaus interessantes Fach, zumindest aus theoretischer Sicht. Im Medizinstudium erhoffte ich, mehr darüber zu erfahren, insbesondere über die Anwendung der Genetik zur Behandlung von Krankheiten. Wirklich als Arzt zu arbeiten, konnte ich mir nicht vorstellen, weil ich dazu anderen Menschen zu indifferent gegenüberstand. Aber das Fachwissen interessierte mich, und vielleicht würde es auch die Möglichkeit geben, in der Forschung mitzuarbeiten.
Bald erfüllte ich mir auch den Traum, in der Hochschülerschaft mitzuarbeiten und so in die Politik zu schnuppern. Dabei zeigte sich zum ersten Mal, dass ich nicht ins Schema passte: An der Medizinischen Fakultät der Wiener Universität hatte seit 1945 eine ÖVP-nahe Fraktion die Mehrheit in der Hochschülerschaft, also schloss ich mich dieser Fraktion an, obwohl ich konfessionslos war. Bei einem der ersten Treffen fragte ich vorsichtig: "Geht ihr jeden Sonntag in die Kirche?" Der damalige Vorsitzende Kurt Rützler darauf: "Na freilich! Du etwa nicht? Dann passt du nicht zu uns! Wir sind katholisch!"
Leider verfügten ÖVP-nahe Studentenverbindungen damals tatsächlich noch über viel Einfluss, und um dem Cartellverband beizutreten, hätte ich mich taufen lassen müssen, was ich aber nicht wollte. Ein Studienkollege von mir war klüger: Er ließ sich extra taufen, um Cartellbruder werden zu können. Heute ist er Universitätsprofessor für Chirurgie.
Ich dagegen bin Software-Entwickler geworden - denn für die Medizin mangelte es mir an handwerklichem Geschick. Zumindest habe ich aber das Medizinstudium abgeschlossen. Nebenbei habe ich auch Abschlüsse in Medizinischer Informatik und Computational Intelligence gemacht. Am Medizinstudium hat mich Biochemie am meisten interessiert, am Informatikstudium Algorithmen, Logik und Theoretische Informatik.
Ich habe nie verstanden, warum es mir im Gegensatz zu anderen Studierenden nie passiert ist, dass mich ein Prüfer zur Mitarbeit in der Forschung eingeladen hat. Offenbar war ich den Prüfern unsympathisch, und das war auch einer der Gründe, warum ich auf mündliche Prüfungen fast nie einen Einser bekam, obwohl ich schriftlich fast lauter Einser hatte. Ich vermute, dass die Professoren an der Medizinischen Universität anders sozialisiert worden sind als ich und ich deswegen von ihnen nicht geschätzt wurde.
Schon zu Beginn des Studiums lernte ich die Philosophie des Transhumanismus kennen. Mit vielen ihrer Ziele konnte ich mich identifizieren. Aber an der Uni hatten die Katholiken das Sagen. Transhumanismus war entweder unbekannt oder wurde abgelehnt. Offenbar wollte niemand Forschung darüber betreiben, wie man die Lebensspanne des Menschen radikal verlängern oder bisher unheilbare Krankheiten durch Keimbahntherapie heilen könnte. Teilweise gab es auch gesetzliche Beschränkungen, und es sah so aus, als ob niemand, der Macht und Einfluss hatte, etwas daran ändern wollte.
Ich lernte also, dass ich einer kleinen Minderheit angehörte. Verbündete fand ich nur im Internet, und das auch recht spät. Beim Verein Mensa, dessen Mitglied ich während meiner Studienzeit war, stießen meine Ideen auf taube Ohren. Ernst genommen wurde ich nur beim Club Biotech, einer Organisation von Studenten verschiedener Studienrichtungen, die sich für Lebenswissenschaften interessierten, aber da galt ich bald als Computerspezialist, und es wurde angenommen, dass ich beruflich etwas mit Computern machen würde - wenn Forschung, dann eben mit Computern.
Die Gesellschaft ließ mir eigentlich keine andere Wahl, als Software-Entwickler zu werden. Forschung, wie sie mich interessiert hätte, hätte man eventuell am Vienna Biocenter betreiben können, doch bekommen dort in der Regel nur Biologen und keine Mediziner eine Anstellung.
Der Einzige, dem ich willkommen war, war Dr. Uwe Rohr, den ich durch Mensa kennenlernte. In seiner Forschergruppe arbeitete ich einige Zeit neben dem Beruf mit, und es entstanden mehrere interessante Publikationen. Ich trug vor allem die sprachliche Überarbeitung von Uwes Gedankengängen bei, außerdem war ich an der Literaturrecherche beteiligt. Diese Publikationen waren für mich also nicht mit Arbeit im Labor verbunden. Uwe war die einzige Person bei Mensa, von der ich etwas hatte. Die anderen waren allesamt Durchschnittstypen. Keiner hatte wirklich revolutionäre Ideen oder arbeitete an etwas Großartigem. Teilweise stand das auch mit dem geringen Bildungsgrad in Zusammenhang, den viele Mitglieder aufwiesen. Viele empfanden Lernen als Zwang. Das war mir persönlich völlig wesensfremd.
Ich bin also zu einigen Publikationen gekommen, ansonsten habe ich meine Zeit damit verbracht, Geld zu verdienen. Meine berufliche Position ist recht gut bezahlt, die meisten in meinem Alter haben finanziell weniger erreicht als ich. Wahrscheinlich wird mir letzten Endes nichts anderes übrig bleiben, als bis zur Pensionierung in diesem Beruf zu arbeiten.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen