Mein Leben in Österreich

Meiner Erfahrung nach ist Österreich weder politisch noch gesellschaftlich ein liberales Land. Vor allem die römisch-katholische Kirche ist nach wie vor sehr mächtig. Wer dazugehören will, muss katholisch sein; wer nicht katholisch ist, wird als Mensch zweiter Kategorie betrachtet.

Meine Eltern haben sich seinerzeit entschieden, mich ohne Religion zu erziehen. Ich bin nicht einmal getauft. Bereits als Kind hatte ich Schwierigkeiten mit anderen Kindern, die sich für etwas Besseres hielten, weil sie katholisch waren. Im Medizinstudium wollte ich mich dann in der Hochschülerschaft engagieren. Bei einem der ersten Treffen fragte ich vorsichtig: "Geht ihr jeden Sonntag in die Kirche?" Daraufhin der damalige Vorsitzende der Hochschülerschaft wörtlich: "Na freilich! Du etwa nicht? Dann passt du nicht zu uns! Wir sind katholisch!" Einige Jahre später, nach meiner Promotion, recherchierte ich, wer von meinen Studienkollegen eine Anstellung an der Universität bekommen hatte. Es stellte sich heraus, dass fast alle, die es geschafft hatten, Mitglieder einer römisch-katholischen Studentenverbindung oder einer anderen Vorfeldorganisation der katholisch-konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) waren.

Die ÖVP ist eine der größeren politischen Parteien in diesem Lande. Eine andere größere Partei, die FPÖ, ist der ÖVP ähnlich, nur noch radikaler und strikt gegen Zuwanderung. Die dritte größere Partei, die SPÖ, ist eine Arbeiterpartei, die zwar nicht so religiös ist, aber wirtschaftsfeindlich, was sie für mich ebenfalls uninteressant macht. Alle übrigen Parteien sind klein und entweder in Opposition oder Mehrheitsbeschafferin für eine Regierungskoalition.

Schließlich trat ich einer kleinen Studentenpartei bei, die sich "Junge Liberale" nannte. Daraus ging später die Kleinpartei NEOS hervor, für die ich dann auch selbst kandidierte, freilich ohne nennenswerten Erfolg.

In Österreich gehöre ich einer Randgruppe an. Ich kann froh sein, dass ich wenigstens eine Anstellung in der Privatwirtschaft habe. 

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