Brief an den Vater
Lieber Papa,
Ich schreibe dir jetzt, als wärest du noch am Leben. Inzwischen habe ich mehr als zehn Jahre lang ohne dich gelebt. Und ich habe gut gelebt. Ich habe bewiesen, dass ich auch ohne dich kann.
Ich weiß, dass ich nicht so war, wie du dir deinen Sohn vorgestellt hast. Zu rational und kühl, zu wenig "menschlich". Es ist positiv zu werten, dass du dich dennoch mit mir beschäftigt hast. Aber die Art der Beschäftigung war nicht die richtige. Du hast mich kontrolliert. In E-Mails und in Internet-Chats durfte ich nicht schreiben, was ich mir dachte, sondern das, was du mir angesagt hast. Damit hast du meine größte Stärke unterdrückt: das selbstständige Denken.
Ich weiß auch, dass du letzten Endes auf meine schulischen Erfolge und mein gutes Abschneiden in Intelligenztests stolz warst. Aber du hast nicht erkannt, was das eigentlich bedeutet. Du hast nach der Matura zu mir gesagt: "Wenn du so intelligent bist, musst du auch Medizin studieren." Du hast nicht begriffen, dass das Medizinstudium ganz andere Anforderungen stellt als die Schule. In der Schule habe ich deswegen so gute Noten bekommen, weil ich meine Position in Schulaufsätzen so gut logisch begründen konnte. Im Auswendiglernen, im Memorieren von Fakten war ich dagegen immer schlecht! Im Schulfach Biologie hatte ich manchmal deswegen nur einen Dreier! Und genau auf dieses Auswendiglernen kommt es im Medizinstudium an. Dass ich im Medizinstudium nicht mehr lauter Einser bekommen habe, war also nicht deswegen, weil ich nachgelassen hätte.
Du hast auch nicht begriffen, dass ich nie Verständnisprobleme gehabt habe. Im Gegenteil: Ich habe mich sogar immer nach komplizierterem Lehrstoff gesehnt, der mich endlich herausfordern würde. Als ich dir einmal zeigte, was ich für mein Medizinstudium zu lernen hatte, sagtest du: "Aber das muss man sich doch nur merken!" Ja, eben! Man muss es sich merken! Das ist die Schwierigkeit! Wenn man es sich nicht merken, sondern es nur verstehen müsste, wäre es für mich kein Problem!
Du wolltest auch nicht einsehen, dass ich für den Arztberuf nicht geeignet bin. Als ich neben dem Medizinstudium ein Jahr lang erfolgreich Informatik studiert hatte, meintest du: "Du hast ein Jahr verbummelt!" In Wirklichkeit war es genau das Richtige, dass ich auch Informatik studiert habe. Als ich dann den Bachelor hatte, wolltest du, dass ich im Masterstudium Informatikmanagement mache, weil das das leichteste Studium ist und ich es mir deiner Meinung nach nicht zu schwer machen sollte. Auch das war ein absolut unsinniger Rat! Wie gesagt, blühe ich erst dann auf, wenn ich es mit komplizierten Dingen zu tun habe. Das Masterstudium Computational Intelligence, in dessen Rahmen ich mich auf Algorithmen, formale Logik und Theoretische Informatik spezialisieren konnte, war daher genau das richtige für mich. Dieses Studium habe ich immerhin mit Auszeichnung abgeschlossen. Im Masterstudium Informatikmanagement hätte ich dagegen wiederum vor allem auswendig lernen müssen. Da hätte ich mit Sicherheit wesentlich schlechtere Noten geschrieben, auch wenn das Studium kognitiv weniger anspruchsvoller sein mag.
Es wäre besser gewesen, wenn du mir von Anfang an völlige Freiheit zugestanden hättest. Denn wie man jetzt sieht, bin ich sehr wohl in der Lage, die richtigen Entscheidungen für mich zu treffen.
Dein Sohn
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