Nation und Religion
In meiner Jugend haben meine Eltern immer genau darauf geachtet, dass sich mein politisches Denken im Rahmen dessen bewegt, was sie für richtig erachteten. Und meine Eltern waren nicht irgendwer, meine Mama war beispielsweise Beamtin. Als ich dann auf die Uni kam und auf die vorsichtige Frage: "Geht ihr jeden Sonntag in die Kirche?" vom damaligen Vorsitzenden der Hochschülerschaft wörtlich die Antwort bekam: "Na freilich! Du etwa nicht? Dann passt du nicht zu uns! Wir sind katholisch!", brach eine Welt für mich zusammen. Ich lernte, dass die Weltanschauung der meisten Menschen - zumindest der meisten Medizinstudenten - viel stärker von Religionen geprägt war, als ich geglaubt hatte. Das fehlte mir völlig, weil ich ja ohne religiöse Erziehung aufgewachsen bin (dass ich mir als Kind eine eigene Privatreligion ausgedacht habe, tut nichts zur Sache). Ich erkannte auch, dass sich viele Menschen stärker mit ihrer jeweiligen Religion identifizieren als mit ihrer Nation.
Heute weiß ich auch, dass das offizielle Denken, das mich meine Eltern gelehrt haben, in Wirklichkeit nur von einer Minderheit getragen wird. Zum Beispiel ist tatsächlich Antisemitismus in der österreichischen Bevölkerung weitverbreitet. Meine Eltern hatten immer negiert, dass es so etwa in der heutigen Zeit noch gäbe.
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