Mein Leben als Erwachsener
Die Menschheit ist schlecht. Ich habe viele schlimme Erfahrungen mit Menschen gemacht. Es gibt nur wenige, die wirklich gut sind.
Was aus einem Menschen werden kann, hängt vor allem mit seiner Sozialisation zusammen. Wer etwa Fabriksbesitzer als Eltern hat, hat eine ganz andere Perspektive auf das Leben als jemand, dessen Eltern einfache Arbeitnehmer sind.
Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Ingenieur. Eine Lehrerin hat relativ viele Freiheiten. Als Ingenieur im Außendienst konnte sich mein Vater zumindest seine Zeit einigermaßen frei einteilen. Somit ist beiden immer relativ viel Zeit geblieben, um sich mit mir zu beschäftigen. So hatte ich zumindest mehr Möglichkeiten als die meisten Kinder, die nur die Erfahrung machen, von Erwachsenen beherrscht zu werden. Mit moralischer Unterstützung meiner Eltern verbrachte ich viel Zeit mit Computerprojekten und wurde Herausgeber einer eigenen Zeitschrift.
Aber wie beschränkt meine Möglichkeiten sind, merkte ich nach der Matura. Auf Wunsch meines Vaters studierte ich Medizin. Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, als Arzt zu arbeiten, aber mich interessierte die medizinische Forschung, besonders auf den Gebieten Biochemie und Genetik. Bald merkte ich, dass man in Österreich in der Medizin ohne Beziehungen nicht viele Chancen hat. Im Grunde genommen kann man nur Arzt für Allgemeinmedizin werden, denn für eine Facharztausbildung muss man von einem Primarius angefordert werden. Mir wurde letzten Endes auch die Möglichkeit verwehrt, Allgemeinmediziner zu werden, weil es mir nicht gelang, meine Vorgesetzten von meinen Fähigkeiten zu überzeugen. Tatsächlich wies ich ja ein Manko auf - ich tat mir beim Blutabnehmen schwer. Aber eigentlich ist das nicht die Hauptaufgabe eines Arztes, wie man sich diesen Beruf allgemein so vorstellt. Nur in unserem perversen System werden die jungen Turnusärzte vornehmlich nach dieser Fähigkeit beurteilt.
Es fehlte mir auch ein Fürsprecher. Ich hatte nur meine Eltern und Dr. Uwe Rohr, den habilitierten Mediziner und Pharmazeuten, mit dem zusammen ich wissenschaftlich arbeitete. Ihnen war es nicht möglich, sich gegenüber meinem Primarius durchzusetzen.
Die idealistischen Vorstellungen davon, die Menschheit voranzubringen, verflogen, als ich einsah, dass ich ja auch meinen Lebensunterhalt verdienen musste. Mit Uwe konnte ich zwar publizieren, aber er gab mir dafür kein Geld (er hatte ja selbst keines). Offenbar ist das System auf Leute ausgelegt, die in erster Linie durch den Verdienst motiviert sind. Idealismus ist da nicht angebracht. Auch studierte Biologen und Chemiker arbeiten nicht um Ruhm und Ehre willen.
Zwar habe ich eine Idee entwickelt, wie das Problem der Antibiotikaresistenzen gelöst werden könnte, und darüber publiziert. Aber um die Experimente durchzuführen, die notwendig wären, um diese Idee wissenschaftlich zu überprüfen, fehlen mir die finanziellen Mittel. Eigentlich müsste es im Interesse einer Regierung sein, Tausende Todesfälle im Jahr zu vermeiden. Aber zumindest bei mir hat bis jetzt noch kein Politiker angeklopft und Bereitschaft verkündet, für meine Forschung Geld auszugeben.
De facto bin ich ein einfacher Software-Entwickler, der Vollzeit arbeitet, was bedeutet, dass ich den größten Teil meines Tages mit meiner beruflichen Tätigkeit verbringe. Auch wenn ich meine Freizeit relativ intensiv nutze, um mich über Wissenschaft zu informieren und fortzubilden, sind mein Zeit- und Energiebudget beschränkt. Was könnte ich tatsächlich zur Wissenschaft beitragen? Theoretische Arbeiten habe ich ja bereits erbracht; im Prinzip könnte ich auch etwas mit dem Computer machen, zum Beispiel den Programmcode von wissenschaftlicher Software optimieren, sofern er öffentlich erhältlich ist. Für wirklich bahnbrechende Beiträge zur Wissenschaft würde ich aber trotzdem ein eigenes Labor oder zumindest Patientendaten benötigen, und das ist unrealistisch.
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