Konformitätsdenken in Schule und Beruf
Früher haben mir diese Dinge zu denken gegeben, heute lache ich nur mehr darüber.
Ich habe auf Wunsch meines Vaters Medizin studiert, obwohl ich gar nicht die Persönlichkeit eines Arztes habe. Kranke Menschen behandeln? Das hat mich nie interessiert.
Und so kam es, dass ich nach dem dritten Studienjahr in einer Pflichtfamulatur im Krankenhaus vom Oberarzt gefragt wurde: "Sind Sie langsam?" Grund war, dass ich bei der Chefvisite geistig nicht voll da gewesen war und mit etwas Verzögerung reagiert hatte, wenn die Visite mit einem Zimmer fertig war und wir ins nächste Zimmer gehen mussten. Ich antwortete damals, dass ich wenig geschlafen hatte, woraufhin der Oberarzt mich bat, mich auszuschlafen. Am nächsten Tag ließ er mich einige Patientenakten auswendig lernen und prüfte mich darüber - Ergebnis: "Das war gar nicht einmal so schlecht!" Dann kam ich zur Psychologin, die ihr Gespräch mit folgenden Worten einleitete: "Hat Ihnen jemals irgend jemand gesagt, dass Sie 'anders' seien?" Ich verneinte, was streng genommen eine Lüge war, weil meine Englischlehrerin das sehr wohl über mich gesagt hatte - sie meinte in einem Telefongespräch nach meiner Matura, sie habe sich immer darüber gewundert, dass ich in Schularbeiten so gute Leistungen erbracht habe, weil ich im Unterricht "nie ganz dagewesen" sei. Jedenfalls dachte ich im Gespräch mit dieser Psychologin darin, dass Hochbegabten oft gesagt wird, sie seien "anders", und lenkte deswegen das Gespräch auf meine erwiesene Hochbegabung. Nachdem ich ihr dann auch noch gesagt hatte, dass ich ein sehr guter Schüler gewesen war und Matura mit Notendurchschnitt 1,0 gemacht hatte, setzte sie sich dafür ein, dass mir gestattet wurde, die Famulatur zu einem positiven Abschluss zu bringen.
Als ich Jahre später als Turnusarzt arbeitete, eckte ich ebenfalls an - diesmal vor allem deswegen, weil ich nicht fähig war, Blut abzunehmen. Dafür fehlte mir das handwerkliche Geschick. Der Primar schickte mich deswegen zum Psychologen, der in seinem Auftrag eine Diagnose stellen sollte. Soweit ich weiß, ist es ihm nicht gelungen, bei mir eine Persönlichkeitsstörung oder Geisteskrankheit zu diagnostizieren. Ich kenne die Kriterien nach ICD-11 und DSM-5 selbst sehr gut und weiß, dass bei mir keine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Der Primar entschied sich schließlich, mich negativ zu beurteilen, mit der Begründung, ich sei für den Arztberuf nicht geeignet, weil ich handwerklich und sozial ungeschickt sei.
Dieses Konformitätsdenken der Mediziner, wo keinerlei Individualität erlaubt ist, das ja seinen Ursprung bereits im Schulsystem hat, kotzt mich an. Aber jetzt, wo ich als Software-Entwickler arbeite, habe ich dieses Problem nicht. Ich bin in diesem Beruf mittlerweile schon im zwölften Jahr tätig, und niemals hat jemand zu mir gesagt, ich sei "anders" oder hätte nicht die Persönlichkeit eines Software-Entwicklers. Es hat alles eben mit dem Arztberuf zu tun. Und vielleicht auch mit den Vorstellungen der Lehrer in der Schule. Dass ich in der Schule so gut war, hat hauptsächlich mit meiner Erziehung zu tun. Ich wurde erzogen, die Schule sehr ernst zu nehmen. Andere Hochbegabte sind anders erzogen worden, deswegen fielen sie durch den Rost.
Jetzt kann ich ruhig mit einem Lächeln durchs Leben gehen.
Aber schade, dass ich dazu die Branche wechseln musste.
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