Mein Leid

Ich weiß nicht, ob euch klar ist, wie viel Leid ich in meinem Leben erfahren habe. Man könnte eigentlich meinen, dass ich ein sehr schönes Leben gehabt haben müsste, wenn man bedenkt, was ich alles erreicht habe.

Tatsächlich war es viel schlimmer.

Ich wurde von fast allen Menschen, mit denen ich zu tun hatte, als fremdartig betrachtet. Das hat sich erst gebessert, seit ich als Informatiker arbeite, weil Informatiker generell ein bisschen komisch sind und ich somit nicht mehr auffalle. Aber davor war es extrem.

Ich wurde selbst von meinem eigenen Vater abgelehnt. Meine Volksschullehrerin bezeichnete mich als "eigensinnig und intolerant". Meine Englischlehrerin am Gymnasium bemängelte, ich sei "nie ganz da". In einer Famulatur im Krankenhaus im Rahmen des Medizinstudiums wurde ich gefragt, ob ich "langsam" sei. Zweimal wurde ich sogar zum Psychologen geschickt.

In Wirklichkeit sind die geistigen Spitzenleistungen, die ich während meiner Schulzeit stets erbracht habe, einfach nur darauf zurückzuführen, dass ich akzeptiert werden wollte. Wenn ich schon von meiner Persönlichkeit her nicht so bin, wie sich das die anderen vorstellen, dann soll es wenigstens keine Kritik an meinen Leistungen geben können.

Wie einen Hohn empfand ich die Äußerung meiner Englischlehrerin nach der Matura, es sei zwar schön und gut, dass ich geistige Spitzenleistungen erbringe, aber die "menschlich-soziale Reife" würde mir fehlen.

Ich habe mich selbst nie für abnorm gehalten, sondern ich habe die anderen, die mit mir nicht konnten, als dumm betrachtet.

Manche, denen es ähnlich wie mir ging, haben im Erwachsenenalter einen Psychologen aufgesucht und sich dann eine Diagnose (zum Beispiel "Autismus") geholt. Das möchte ich nicht, weil ich der Meinung bin, dass meine Persönlichkeit viel zu komplex und edel ist, um auf eine Diagnose reduziert werden zu können.

Die Schuld liegt meiner Meinung nach eindeutig bei meinen Mitmenschen, die eben nicht tolerant genug sind - ein Hohn, dass mir meine Volksschullehrerin ausgerechnet Intoleranz zum Vorwurf gemacht hat.

Im Moment komme ich klar. In der Firma, in der ich arbeite, sind alle Kollegen supernett. Aber ich weiß nicht, ob ich bis zur Pensionierung in derselben Firma bleiben werde. Es könnte durchaus passieren, dass ich eines Tages wieder einmal in ein weniger tolerantes Umfeld geraten werde.

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