Meine Erfahrungen mit Neuroatypie
Heutzutage lese ich in den Medien viel über Neuroatypie, ADHD, Autismus. Diese Themen werden seit etwa 2008 diskutiert. Ich weiß das noch so genau, weil ich damals in meiner Zeitschrift Hugi einen Artikel über die schizoide Persönlichkeitsstörung veröffentlicht und darauf das Feedback bekommen habe, dass viele Anhänger der Computerkunst-Demoszene keine Persönlichkeitsstörung hätten, sondern eine Form von Autismus, die ähnliche Symptome aufweise.
Es könnte auch sein, dass es mir nur vorkommt, dass diese Themen oft in den Medien vorkommen, weil ich in einer Bubble lebe. Aber der Vorfall, über den ich hier schreiben möchte, ereignete sich 2004, also zu einer Zeit, als Neuroatypie noch nicht populär war.
Ich arbeitete damals als Medizinstudent an der Abteilung für Hämatologie und Onkologie des Wiener AKH. In den Sommerferien hatte ich mir angewohnt, spät schlafen zu gehen, weil ich viel in der damals noch recht neuen Wikipedia las. Deswegen war ich wenig ausgeschlafen, als am zweiten Tag meiner Famulatur eine Chefvisite abgehalten wurde. Nach der Visite sprach mich einer der Oberärzte an: "Sind Sie langsam?" Ich erklärte, dass ich wenig geschlafen hatte, und wurde mit der Bitte um einen Ausgleich meines Schlafdefizits nach Hause geschickt. Am nächsten Morgen bat mich der Oberarzt, mich mit den Krankengeschichten der Patienten seiner Station zu beschäftigen. Ich lernte diese auswendig und bestand die darauf folgende Prüfung mit Bravour - O-Ton: "Das war gar nicht so schlecht!"
Am nächsten Tag dann das klärende Gespräch mit der Psychologin, zu der ich geschickt wurde. Sie leitete das Gespräch mit den Worten ein: "Hat Ihnen jemand schon einmal gesagt, dass Sie 'anders' seien?" Die Kollegen hätten den Eindruck, mir würde die Arbeit schwerfallen. Es sei auch aufgefallen, dass ich mich manchmal auf eine stereotype Weise bewege. Nachdem ich über meine Intelligenztest-Resultate und meine sehr guten schulischen Leistungen gesprochen hatte, äußerte sich die Psychologin positiv und sagte, sie werde sich dafür einsetzen, dass ich die Famulatur abschließen könne. So war es dann auch - nur blieben mir bis zum Schluss einige Tätigkeiten verboten, die heikel waren und man nicht einen Studenten durchführen lassen wollte, zu dem man kein Vertrauen hatte.
Aus heutiger Sicht ist es sehr wahrscheinlich, dass bei mir eine leichte Art von Neuroatypie bzw. Autismus vorliegt, die sich unter anderem darin äußert, dass ich sehr viel über alle möglichen Dinge nachdenke und nur unbewusst mitbekomme, was um mich herum geschieht. Dazu passen auch die stereotypen Bewegungen. Damals war diese Diagnose allerdings auch Fachleuten noch wenig geläufig.
Überhaupt stellt sich die Frage: Sollten Mediziner einem bestimmten Persönlichkeitstyp entsprechen, oder sind verschiedene Typen, einschließlicht Autisten, für diesen Beruf geeignet? Und: Warum wird Andersartigkeit bei uns in der Regel automatisch mit Minderbegabung bzw. Intelligenzminderung assoziiert (weswegen ich die Aufgabe bekam, die Krankengeschichten zu studieren)? In dieser Beziehung sind nicht nur die von Neuroatypie Betroffenen gefordert, sich an die Erwartungen der Gesellschaft anzupassen, sondern auch die Gesellschaft, ein bisschen toleranter zu werden!
Als ich 2014 als Turnusarzt arbeitete, wurde ich ebenfalls zum Psychologen geschickt. Seine Aufgabe war es, im Auftrag des Primarius, der mich unsympathisch fand, eine Diagnose zu finden, weswegen er mich als für den Arztberuf untauglich deklarieren könne. Ich habe es ihm nicht leicht gemacht, und meines Wissens hat er letzten Endes tatsächlich keine Diagnose stellen können. Mein Dienstvertrag wurde einfach mit der Begründung nicht verlängert, ich sei für den Arztberuf nicht geeignet, weil ich "handwerklich und sozial ungeschickt" sei.
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