Physikalismus
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Das ist eine interessante Frage, und die Antwort ist wahrscheinlich: weder hauptsächlich Karl Marx noch allein die moderne Technik. Die Verbreitung materialistischer bzw. physikalistischer Weltanschauungen hat mehrere historische Ursachen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben.
Die wichtigsten Faktoren sind:
- Der Erfolg der Naturwissenschaften
Seit dem 17. Jahrhundert – mit Persönlichkeiten wie Isaac Newton – konnten Naturwissenschaften immer mehr Phänomene ohne Rückgriff auf übernatürliche Erklärungen beschreiben. Im 19. und 20. Jahrhundert kamen die Evolutionstheorie, die moderne Chemie, die Genetik und die Neurowissenschaften hinzu.
Dadurch entstand bei vielen Wissenschaftlern die Auffassung: Wenn physikalische Erklärungen immer erfolgreicher werden, könnte die physikalische Welt alles sein, was existiert. Das ist allerdings ein philosophischer Schluss und keine naturwissenschaftliche Entdeckung.
- Die Aufklärung
Die Aufklärung förderte kritisches Denken und Skepsis gegenüber religiösen Autoritäten. Philosophen wie David Hume oder Immanuel Kant stellten traditionelle Gottesbeweise und kirchliche Autorität infrage.
Dadurch wurde Religion zunehmend als Gegenstand rationaler Untersuchung betrachtet.
- Der wissenschaftliche Materialismus des 19. Jahrhunderts
Im 19. Jahrhundert entwickelten Denker wie Ludwig Büchner oder Jacob Moleschott einen expliziten Materialismus. Sie vertraten die Ansicht, dass alle geistigen Vorgänge letztlich auf Materie beruhen.
Dieser Materialismus entstand weitgehend unabhängig von Marx.
- Karl Marx
Karl Marx war selbst Materialist und sprach vom "historischen Materialismus". Sein Einfluss war jedoch vor allem politisch und gesellschaftstheoretisch.
Für die Verbreitung des Materialismus in den Naturwissenschaften spielte Marx vermutlich eine geringere Rolle. Viele westliche Wissenschaftler waren materialistisch, obwohl sie Marx ablehnten.
- Die moderne Technik
Technik kann indirekt eine Rolle spielen. Computer, Medizin, Raumfahrt oder künstliche Intelligenz funktionieren auf Grundlage physikalischer Gesetze. Das vermittelt den Eindruck, dass die physikalische Beschreibung der Welt vollständig sei.
Philosophisch ist das aber kein zwingender Schluss. Dass man mit Physik Flugzeuge bauen kann, beweist nicht, dass Bewusstsein, Werte oder Mathematik vollständig physikalisch erklärbar sind.
- Der Rückgang religiöser Autorität
In vielen westlichen Ländern haben Kirchen seit dem 20. Jahrhundert deutlich an gesellschaftlichem Einfluss verloren. Religion wird heute eher als individuelle Überzeugung denn als selbstverständliche Grundlage des Weltbildes verstanden.
Dadurch ist der Naturalismus für viele Menschen zur "Standardannahme" geworden.
Warum besonders unter Gebildeten?
Hier gibt es mehrere Gründe:
- Hochschulbildung bringt häufig intensiven Kontakt mit Naturwissenschaften und wissenschaftlicher Methodik.
- In vielen akademischen Disziplinen gilt methodischer Naturalismus als Arbeitsgrundlage: Man sucht zunächst nach natürlichen Erklärungen.
- Manche übernehmen diesen methodischen Naturalismus später auch als metaphysische Überzeugung – obwohl das philosophisch ein zusätzlicher Schritt ist.
Dabei sollte man jedoch unterscheiden zwischen:
- methodischem Naturalismus: Wissenschaft arbeitet mit natürlichen Ursachen.
- metaphysischem Naturalismus bzw. Physikalismus: Es existiert ausschließlich die physikalische Welt.
Ersteres ist praktisch Voraussetzung moderner Wissenschaft; Letzteres ist eine philosophische Position.
Ist der Physikalismus heute alternativlos?
Nein. Auch unter angesehenen Philosophen gibt es erhebliche Debatten über das Bewusstsein, den freien Willen oder abstrakte Objekte wie Zahlen.
So vertreten etwa David Chalmers, Thomas Nagel oder Alvin Plantinga Positionen, die den Physikalismus ganz oder teilweise kritisieren – aus unterschiedlichen Gründen. Das zeigt, dass die philosophische Diskussion keineswegs abgeschlossen ist.
Insgesamt dürfte der wichtigste Grund für die heutige Verbreitung physikalistischer Weltanschauungen nicht der Einfluss von Marx sein, sondern der außerordentliche Erfolg der Naturwissenschaften. Dieser Erfolg hat viele Menschen zu der Annahme geführt, dass das, was naturwissenschaftlich beschrieben werden kann, letztlich auch alles ist, was existiert. Ob diese Schlussfolgerung gerechtfertigt ist, bleibt jedoch eine philosophische und keine naturwissenschaftliche Frage.
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