Gespräch über die Bundeskanzler seit Kreisky

Im Internet gab es eine Diskussion, ob Kurz oder Kreisky der bessere Kanzler gewesen sei. Leider kann ich nichts dazu sagen. Kreisky war vor meiner Zeit, und Kurz ist an mir vorübergegangen, ohne dass ich viel mibekommen hätte...

ChatGPT:

Das ist eigentlich eine interessante Ausgangslage, weil Kreisky und Kurz für zwei ziemlich unterschiedliche politische Epochen stehen. Und wenn man beide nur nach dem persönlichen Erleben beurteilen soll, ist es völlig nachvollziehbar, dass du bei beiden keine klare eigene Einschätzung hast.

Bei Bruno Kreisky kommt noch etwas hinzu: Seine Kanzlerschaft (1970–1983) liegt so weit zurück, dass selbst jemand, der sich heute intensiv mit österreichischer Politik beschäftigt, vieles nur aus historischen Darstellungen kennt. Bei Sebastian Kurz ist es fast umgekehrt: Du hast seine Kanzlerschaften zwar zeitlich miterlebt (2017–2019 und 2020–2021), aber wenn du damals politisch nicht besonders auf ihn fokussiert warst, kann die Ära ebenfalls erstaunlich wenig persönliche Erinnerung hinterlassen.

Für die Frage „Wer war der bessere Kanzler?“ würde ich deshalb zunächst unterscheiden, was man überhaupt unter „besser“ versteht:

KriteriumKreiskyKurz
Dauer und Stabilitätsehr starkvergleichsweise schwach
Gestaltung des Staatessehr starkeher begrenzt
Sozialpolitiksehr starkdeutlich weniger ausgeprägt
Wirtschafts-/Steuerpolitikstärker staatsorientiertstärker marktorientiert
Modernisierung gesellschaftlicher Institutionensehr starkteilweise, aber anders ausgerichtet
Außenpolitisches Gewichtsehr starkeher moderat
Kommunikation/Medienwirkungfür seine Zeit enormaußergewöhnlich stark
Parteipolitische Machtaußergewöhnlich starkaußergewöhnlich stark
Verhältnis zu politischen Gegnernkonfrontativ, aber teilweise konsensorientiertstark strategisch/polarisierend
Nachhaltigkeit des politischen Projektssehr hochumstritten

Kreiskys Bedeutung für Österreich ist jedenfalls erheblich größer als die bloße Tatsache, dass er lange Bundeskanzler war. Er hat Österreichs Nachkriegsordnung nachhaltig geprägt: Ausbau des Sozialstaats, Bildungsreformen, Universitätszugang, Justizreformen, Modernisierung des Familienrechts, Ausbau des öffentlichen Gesundheitswesens, ORF-Reform usw. Dazu kam eine für Österreich ungewöhnlich eigenständige Außenpolitik.

Kurz war dagegen vor allem ein Politiker einer völlig anderen politischen Kommunikationswelt. Seine große Stärke war die politische Strategie: Er konnte die ÖVP von einer traditionellen bürgerlichen Partei in eine sehr stark auf seine Person zugeschnittene Bewegung verwandeln und Themen der FPÖ übernehmen, ohne selbst FPÖ zu sein. Dass er mit 31 Jahren Bundeskanzler wurde, war ebenfalls außergewöhnlich.

Allerdings ist gerade bei Kurz die Frage interessant, wie viel davon langfristige politische Gestaltung und wie viel davon politisches Management war. Seine Regierungen waren relativ kurzlebig, und die von ihm eingeleiteten Reformen hatten nicht annähernd die jahrzehntelange Wirkung der Kreisky-Ära.

Wenn ich also rein historisch-politisch urteilen müsste, würde ich sagen:

Kreisky war wahrscheinlich der bedeutendere und langfristig wirkungsmächtigere österreichische Bundeskanzler. Kurz war wahrscheinlich der außergewöhnlichere politische Stratege und Kommunikator seiner Generation.

Das heißt aber noch nicht, dass Kreisky für jemanden mit deinen politischen Vorstellungen automatisch der „bessere“ wäre. Gerade wenn man wirtschaftspolitisch eher liberal denkt, kann man mit Kreiskys starkem Ausbau des Staates und seiner Wirtschaftspolitik durchaus erhebliche Probleme haben. Umgekehrt kann man Kurz' wirtschaftsliberale Elemente schätzen und trotzdem zu dem Schluss kommen, dass seine Kanzlerschaften politisch weniger substanzielle Veränderungen hinterlassen haben.

Und noch etwas finde ich an deiner Aussage interessant: Vielleicht ist „Kreisky oder Kurz?“ für dich gar nicht die sinnvollste Vergleichsfrage. Wenn du deine eigene politische Position und deine heutige Sicht auf Österreich verstehen möchtest, wäre es wahrscheinlich aufschlussreicher, einmal die österreichischen Bundeskanzler seit deiner Kindheit miteinander zu vergleichen – also etwa Vranitzky → Klima → Schüssel → Gusenbauer → Faymann → Kern → Kurz → Kogler → Stocker – und zu schauen, bei welchen politischen Projekten du spontan denkst: „Das hätte ich unterstützt“ bzw. „Das wäre überhaupt nicht meine Politik gewesen.“

Dann könnte man ziemlich gut herausarbeiten, welcher österreichische Kanzler deinem eigenen politischen Denken am nächsten kam, ohne dass du dich auf Erinnerungen an eine Zeit verlassen musst, die du kaum bewusst erlebt hast.

Ich:

<<Wenn du deine eigene politische Position und deine heutige Sicht auf Österreich verstehen möchtest, wäre es wahrscheinlich aufschlussreicher, einmal die österreichischen Bundeskanzler seit deiner Kindheit miteinander zu vergleichen – also etwa Vranitzky → Klima → Schüssel → Gusenbauer → Faymann → Kern → Kurz → Kogler → Stocker – und zu schauen, bei welchen politischen Projekten du spontan denkst: „Das hätte ich unterstützt“ bzw. „Das wäre überhaupt nicht meine Politik gewesen.“>> Machen wir das!

ChatGPT:

Ja. Ich würde das nicht als Wissensquiz über österreichische Politik aufziehen, sondern tatsächlich als eine Art politisches Selbstexperiment: Ich stelle dir jeweils die wesentlichen politischen Linien eines Kanzlers vor, und du sagst möglichst spontan, was dich davon anspricht oder abstößt.

Dabei würde ich nicht nur fragen „War der Kanzler gut?“, sondern vor allem:

  • Was davon hätte ich selbst politisch gewollt?
  • Was hätte mich gestört?
  • Wie stark ist mein Urteil über die Person bzw. den Stil und wie stark über die konkrete Politik?

Eine kleine Korrektur zu meiner vorherigen Liste: Kogler war nie Bundeskanzler; er war Vizekanzler unter Kurz bzw. Nehammer. Außerdem gehören Nehammer und Schallenberg natürlich noch in die Reihe. Die tatsächliche Abfolge seit deiner Kindheit ist: Vranitzky, Klima, Schüssel, Gusenbauer, Faymann, Kern, Kurz, Bierlein, Kurz, Schallenberg, Nehammer, Schallenberg, Stocker.

Ich würde allerdings Bierlein als Übergangsregierung auslassen und Kogler als Teil der grünen Regierungsära bei Kurz/Nehammer behandeln. Damit bekommen wir überschaubare Stationen.

1. Franz Vranitzky (1986–1997)

Das ist ungefähr die Politik, die deine Kindheit geprägt hat.

Vranitzky steht für eine klassische sozialdemokratische Politik, aber nicht für den großen sozialistischen Gesellschaftsumbau Kreiskys. Wesentliche Elemente waren:

  • Sozialstaat und starke öffentliche Leistungen
  • starke Rolle der Sozialpartnerschaft
  • relativ hohe Abgaben und staatliche Regulierung
  • EU-Beitritt Österreichs 1995
  • klare Abgrenzung gegenüber Jörg Haider und der FPÖ
  • eher vorsichtige, konsensorientierte Politik

Interessant für dich dürfte insbesondere der EU-Beitritt sein. Vranitzky war ein überzeugter Befürworter der europäischen Integration.

Meine Vermutung bei dir: Du könntest einiges davon positiv sehen – insbesondere Europa und institutionelle Stabilität –, aber mit der klassischen österreichischen Sozialpartnerschaft und dem starken Staat eher wenig anfangen.


2. Viktor Klima (1997–2000)

Klima ist wahrscheinlich der Kanzler, bei dem du dich am wenigsten erinnern wirst. Er war nur drei Jahre im Amt.

Politisch war er im Grunde die Fortsetzung der großen SPÖ-ÖVP-Koalition: sozialstaatlich, pragmatisch, wirtschaftlich eher moderat.

Das Entscheidende ist deshalb vielleicht gar nicht Klima selbst:

Wie stehst du grundsätzlich zur österreichischen Großen Koalition?

Denn über Jahrzehnte war das österreichische Modell:

SPÖ + ÖVP → möglichst viel Konsens → schrittweise Veränderungen → wenig ideologische Brüche.

Ich vermute, dass gerade dieses Modell deinem Denken eher nicht entspricht. Du scheinst stärker auf klare politische Prinzipien und unterschiedliche gesellschaftliche Modelle anzuspringen.


3. Wolfgang Schüssel (2000–2007)

Jetzt wird es für dich wahrscheinlich interessanter.

Schüssel ist der erste Kanzler in dieser Reihe, bei dem ich vermuten würde, dass du politisch einiges sympathisch finden könntest.

Er stand für:

  • Steuersenkungen bzw. Entlastungen
  • Budgetkonsolidierung
  • Privatisierung
  • Reform des öffentlichen Sektors
  • stärkere Betonung von Eigenverantwortung
  • wirtschaftsliberalere Politik
  • EU-Integration
  • ÖVP-FPÖ-Koalition

Gleichzeitig gab es heftige Konflikte über den Sozialstaat, die Pensionsreform, Studiengebühren usw.

Und dann natürlich die FPÖ-Regierungsbeteiligung.

Das Spannende an Schüssel ist deshalb:

Kann man wirtschaftspolitisch liberal sein und gleichzeitig eine Koalition mit einer rechtspopulistischen Partei ablehnen?

Bei dir würde ich spontan vermuten: Ja.

Das könnte ein wichtiges Muster deiner politischen Position sein.


4. Alfred Gusenbauer (2007–2008)

Gusenbauer dürfte bei dir eher wenig Resonanz hervorrufen.

SPÖ-Politik, Große Koalition, sozialstaatliche Orientierung – allerdings ohne große gesellschaftspolitische Vision.

Interessanterweise ist Gusenbauer auch ein gutes Beispiel dafür, dass „links“ und „modern“ nicht dasselbe sind.

Du könntest beispielsweise gesellschaftspolitisch liberal sein, ohne deshalb wirtschaftspolitisch sozialdemokratisch zu sein.

Das ist bei dir wahrscheinlich eine wichtige Trennlinie.


5. Werner Faymann (2008–2016)

Hier wird es wieder interessanter, weil Faymann stark für eine bestimmte Form österreichischer Sozialdemokratie stand:
  • starker Sozialstaat
  • Umverteilung
  • Schutz von Arbeitnehmern
  • relativ hohe Staatsquote
  • Skepsis gegenüber neoliberalen Reformen
  • enge Bindung an Gewerkschaften
  • eher restriktive Haltung gegenüber wirtschaftsliberalen Reformen

Und gleichzeitig wurde Faymann zunehmend mit einer sozialpopulistischen Politik verbunden.

Ich vermute deshalb:

Wirtschaftspolitisch würdest du dich ziemlich deutlich von Faymann distanzieren.

Aber bei gesellschaftspolitischen Fragen könnte es durchaus Überschneidungen geben.

Das wäre ein wichtiger Punkt für unsere Untersuchung.


6. Christian Kern (2016–2017)

Sein politischer Stil war moderner und stärker auf wirtschaftliche und technologische Themen ausgerichtet.

Gleichzeitig blieb er sozialdemokratisch.

Ich könnte mir vorstellen, dass du Kern als Person interessanter findest als seine Partei.


7. Sebastian Kurz (2017–2019, 2020–2021)

Hier würde ich besonders genau hinschauen.

Kurz kombinierte:

wirtschaftspolitisch:

  • teilweise wirtschaftsliberale Positionen
  • Steuer- und Abgabenentlastung
  • Verwaltungsreformen
  • weniger staatliche Umverteilung

mit

gesellschafts- und migrationspolitisch:

  • restriktive Migrationspolitik
  • Betonung nationaler Interessen
  • starke Abgrenzung gegen politische Linke
  • harte Linie gegenüber Islamismus

und dazu:

politisch-strategisch:

  • extreme Personalisierung
  • sehr starke Medienorientierung
  • Neupositionierung der ÖVP
  • Übernahme zahlreicher FPÖ-Themen

Das könnte bei dir zu einer ziemlich gespaltenen Bewertung führen.

Vielleicht:

„Wirtschaftspolitisch teilweise interessant, gesellschaftspolitisch teilweise interessant, aber politisch und stilistisch überhaupt nicht mein Ding.“

Und genau das wäre für unsere Untersuchung sehr aufschlussreich.


8. Karl Nehammer (2021–2025)

Nehammer ist wiederum ein völlig anderer Typ.

Weniger Ideologe, weniger politischer Revolutionär, mehr klassischer staatstragender ÖVP-Politiker.

Er regierte zunächst mit den Grünen.

Bei Nehammer würde mich interessieren, ob du seine Politik als

„vernünftig und pragmatisch“

oder eher als

„mutlos und status-quo-orientiert“

empfindest.

Das ist nämlich eine ziemlich fundamentale politische Präferenz.


9. Christian Stocker (seit 2025)

Und hier sind wir bei der Gegenwart.

Stocker ist seit 3. März 2025 Bundeskanzler.

Er führt erstmals eine ÖVP-SPÖ-NEOS-Koalition.

Und gerade deshalb könnte er für deine politische Einordnung besonders interessant sein.

Denn die Regierung versucht derzeit, mehrere Dinge miteinander zu verbinden:

  • Budgetkonsolidierung
  • Wirtschaftsstandort
  • Verwaltungsreform
  • Digitalisierung
  • Reform des Staates
  • Wettbewerbsfähigkeit

Die Regierung bezeichnet sich selbst ausdrücklich als „Regierung der Reformen“.

Das klingt zunächst ziemlich kompatibel mit jemandem, der wirtschaftspolitisch rechts/liberal denkt.

Aber die entscheidende Frage ist:

Ist dir diese Politik liberal genug – oder ist sie dir noch immer viel zu staatsorientiert?


Und jetzt machen wir es wirklich mit dir

Ich würde vorschlagen, wir gehen Kanzler für Kanzler durch, aber nicht mit langen historischen Ausführungen.

Für jeden stelle ich dir etwa 5–8 konkrete politische Aussagen vor.

Du antwortest einfach mit:

👍 = würde ich unterstützen
👎 = würde ich ablehnen
🤷 = indifferent / weiß nicht
⚖️ = kommt darauf an

Und anschließend versuche ich, daraus dein politisches Profil zu rekonstruieren.

Wir beginnen mit Vranitzky, weil er den ersten großen Block deiner bewussten politischen Lebenszeit darstellt.

Vranitzky – was davon spricht dich an?

  1. Österreich soll Mitglied der EU sein und sich eng in Europa integrieren.
  2. Der Staat soll einen starken Sozialstaat garantieren, auch wenn dafür relativ hohe Steuern nötig sind.
  3. Arbeitnehmer sollen durch starke Gewerkschaften und Kollektivverträge geschützt werden.
  4. Die Wirtschaft soll durch Sozialpartnerschaft und staatliche Regulierung stabilisiert werden.
  5. Der Staat soll soziale Ungleichheit aktiv durch Umverteilung reduzieren.
  6. Die FPÖ unter Haider sollte politisch möglichst klar ausgegrenzt werden.
  7. Österreich sollte grundsätzlich auf große politische Veränderungen verzichten und lieber schrittweise reformieren.

Du kannst einfach beispielsweise schreiben:

1 👍, 2 👎, 3 🤷, 4 👎, 5 👎, 6 👍, 7 👎

Dann gehen wir zu Klima weiter – und nach einigen Kanzlern zeichnen wir das Muster heraus.

Ich:

Allgemein habe ich den Eindruck, dass die Regierungschefs seit Vranitzky auf radikale Reformen verzichtet haben. Die einzige Ausnahme dürfte Schüssel gewesen sein.

ChatGPT:

Ja, das ist eine sehr plausible Beobachtung – und ich würde sie sogar zu einer unserer Leitfragen machen. Man muss allerdings etwas aufpassen mit dem Wort „radikal“: Vranitzky und die späteren Kanzler haben durchaus wichtige Veränderungen vorgenommen, aber sie waren überwiegend inkrementell, also Reformen innerhalb des bestehenden österreichischen Modells.

Der auffällige Bruch ist tatsächlich Schüssel.

Eine mögliche Periodisierung

Ich würde die Zeit ungefähr so einteilen:

Vranitzky (1986–1997) → Klima (1997–2000)
Das war im Wesentlichen die Fortsetzung des österreichischen Nachkriegsmodells: Sozialpartnerschaft, große Koalition, Sozialstaat, schrittweise Anpassungen. Allerdings sollte man Vranitzky nicht als völlig reformunwillig darstellen: Es gab etwa einen Konsolidierungskurs und unter seiner Kanzlerschaft den EU-Beitritt; auch gesellschaftspolitisch setzte er mit seiner Rede zur österreichischen Mitverantwortung für die NS-Verbrechen einen historischen Paradigmenwechsel.

Schüssel (2000–2007)
Hier lautet die politische Botschaft tatsächlich wesentlich stärker: Das bisherige System muss verändert werden. Budgetkonsolidierung, Pensionsreform, Privatisierungen, Universitätsreform, Studiengebühren, Reform des öffentlichen Dienstes und eine stärkere Betonung von Wettbewerb und Eigenverantwortung waren Bestandteile dieses Projekts. Schüssel selbst formulierte 2000 etwa ausdrücklich Ziele wie weniger Staatsausgaben, Privatisierung und mehr Wettbewerb im Hochschulwesen.

Das ist ziemlich genau das, was man unter einem reformorientierten bzw. wirtschaftsliberalen Regierungsprojekt verstehen kann.

Und bemerkenswert ist: Die Studiengebühren sind ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht nur bei Rhetorik blieb. Die schwarz-blaue Regierung beschloss sie 2000, sie wurden ab 2001 tatsächlich eingehoben und erst 2008 unter einer späteren Regierung wieder weitgehend abgeschafft.

Gusenbauer → Faymann → Kern
Danach sehe ich wieder wesentlich stärker das Muster:

Probleme erkennen → Kompromiss suchen → bestehende Institutionen möglichst wenig verändern.

Selbst wenn einzelne Reformen stattfanden, fehlte meines Erachtens das große Projekt, Österreich strukturell umzubauen.

Kurz ist dann ein Sonderfall. Er war durchaus ein radikaler politischer Veränderer, aber nicht unbedingt ein radikaler Staatsreformer. Er hat die ÖVP, ihre Kommunikation und ihre Positionierung gegenüber der FPÖ massiv verändert. Das ist etwas anderes als Schüssels Versuch, Strukturen des Staates und der Wirtschaft zu verändern.

Und Stocker ist momentan interessant, weil seine Regierung ausdrücklich wieder von einer „Reformpartnerschaft“ spricht – Verwaltung, Kompetenzverteilung, Gesundheit, Bildung, Energie usw. Aber ob daraus tatsächlich eine vergleichbare Reformperiode wird, kann man erst rückblickend beurteilen.

Und ich glaube, hier kommen wir deiner eigenen politischen Position näher

Denn deine Aussage ist nicht einfach:

„Ich mag Schüssel.“

Sie könnte vielmehr lauten:

„Ich habe ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber einem politischen System, das Probleme über Jahrzehnte verwaltet, aber strukturelle Veränderungen vermeidet.“

Das wäre eine ziemlich wichtige Erkenntnis.

Und das passt auch zu deiner früher geäußerten wirtschaftspolitischen Einordnung. Ein wirtschaftlich liberaler Mensch muss nicht unbedingt weniger Staat wollen, weil er „gegen den Staat“ ist. Er kann vielmehr der Meinung sein:

Der Staat soll seine Aufgaben ordentlich erfüllen, aber seine Strukturen müssen regelmäßig auf Effizienz, Anreizwirkungen und Zukunftsfähigkeit überprüft werden.

Dann wäre beispielsweise eine Pensionsreform für dich möglicherweise interessanter als eine bloße Erhöhung oder Senkung einer einzelnen Sozialleistung. Eine Reform der Universitäten interessanter als eine Diskussion darüber, ob Studiengebühren 363 Euro oder null Euro betragen. Eine Verwaltungsreform interessanter als die Frage, ob das Budget eines einzelnen Ministeriums um zwei Prozent steigt oder fällt.

Und genau deshalb würde ich unseren Vergleich jetzt etwas anders aufziehen.

Die entscheidende Frage an dich:

Wenn du an Schüssels Reformpolitik denkst – unabhängig davon, ob du ihn als Person sympathisch findest –, welcher dieser Ansätze entspricht am ehesten deiner eigenen Vorstellung?

A) Staat verkleinern: weniger Staatsausgaben, weniger Steuern, weniger staatliche Leistungen.

B) Staat effizienter machen: ungefähr dieselben Aufgaben, aber weniger Bürokratie, weniger Doppelgleisigkeiten und mehr Leistungsorientierung.

C) Staat grundlegend umbauen: bestehende Institutionen und Systeme auch dann abschaffen oder radikal verändern, wenn sie jahrzehntelang etabliert sind.

D) Wirtschaft liberalisieren: mehr Wettbewerb, Privatisierung, weniger Regulierung.

E) Eine Mischung – dann kannst du sagen, welche Punkte dir besonders wichtig sind.

Ich vermute nämlich, dass deine Antwort nicht einfach A oder D sein wird, sondern dass B und C für dich eine wesentlich größere Rolle spielen. Und das wäre politisch eine interessante Unterscheidung.

Ich:

Ich bin grundsätzlich gegenüber der ÖVP misstrauisch, weil ich mit ihr in der Hochschülerschaft schlechte Erfahrungen gemacht habe. Meiner Meinung nach vertritt diese Partei eine Klientelpolitik und versucht Positionen mit Parteigängern zu besetzen.

ChatGPT:

Das ist für die Einordnung deiner politischen Position tatsächlich wichtig, weil es zeigt, dass „wirtschaftsliberal“ und „ÖVP-nah“ für dich keineswegs dasselbe sind.

Man kann Schüssels Reformpolitik in einzelnen Punkten gut finden und trotzdem der ÖVP als Partei misstrauen. Deine Kritik zielt ja auf etwas anderes als die klassische Links-rechts-Frage:

  • Klientelpolitik: Der Staat bzw. öffentliche Institutionen sollen nicht dazu dienen, bestimmte organisierte Interessengruppen zu bevorzugen.
  • Postenbesetzung: Du scheinst Wert darauf zu legen, dass Funktionen nach Qualifikation und Leistung und nicht nach Parteizugehörigkeit vergeben werden.
  • Institutionelle Unabhängigkeit: Gerade an Hochschulen dürfte dir wichtig sein, dass Universitäten und ihre Gremien nicht zum verlängerten Arm einer Partei werden.
  • Wettbewerb und Meritokratie: Das passt durchaus zu einer wirtschaftsliberalen Grundhaltung – aber eben auch zu einer allgemeinen Ablehnung von Patronage.

Das erzeugt eine interessante Konstellation: Du kannst eine Reform, die von einer ÖVP-Regierung kommt, unterstützen, ohne deshalb die ÖVP als politische Kraft zu unterstützen.

Und ich würde deshalb unsere bisherige Hypothese etwas korrigieren. Es geht bei dir vermutlich nicht einfach um

„mehr Markt, weniger Staat“

sondern eher um

„leistungsfähige und möglichst unpolitische Institutionen, Wettbewerb statt Privilegien und strukturelle Reformen statt bloßer Verwaltung des Status quo.“

Das ist ein viel spezifischeres politisches Profil.

Dadurch wird Schüssel für unseren Vergleich sogar besonders interessant

Denn man sollte bei ihm zwei Dinge auseinanderhalten:

1. Seine Reformagenda:
Budgetkonsolidierung, Privatisierung, Wettbewerb, Pensionsreform, Verwaltungsreformen usw.

2. Seine politische Praxis:
ÖVP-Parteistrukturen, Proporztradition, Postenbesetzungen, politische Netzwerke und die Zusammenarbeit mit der FPÖ.

Du könntest also durchaus sagen:

„Die Reformen finde ich teilweise richtig, aber die politische Kultur, aus der sie hervorgegangen sind, lehne ich ab.“

Das wäre keineswegs widersprüchlich.

Und es könnte sogar erklären, warum NEOS für dich einmal attraktiv gewesen sein dürfte: Eine Partei, die sich ausdrücklich gegen den österreichischen Proporz und für Transparenz, Wettbewerb und Reformen positioniert, könnte genau diese Lücke besetzen. Gleichzeitig kann man dann von einer Partei enttäuscht werden, wenn man den Eindruck bekommt, dass sie selbst beginnt, politische Machtlogiken zu übernehmen.

Für unseren Kanzlervergleich würde ich daher ab jetzt drei getrennte Dimensionen betrachten:

DimensionFrage
PolitikWelche konkreten Reformen halte ich für richtig?
InstitutionenWie soll Staat und Verwaltung organisiert sein?
politische KulturWie soll politische Macht ausgeübt und vergeben werden?

Gerade die dritte Dimension scheint bei dir ziemlich wichtig zu sein.

Und damit würde ich nicht versuchen, dich vorschnell einem Kanzler zuzuordnen. Wir sammeln erst die Reaktionen und schauen anschließend, ob sich ein Muster ergibt. Denn vielleicht stellt sich am Ende heraus, dass du mit Schüssels Politik teilweise übereinstimmst, seine Partei aber trotzdem deutlich ablehnst – was für die Frage „Wer war der bessere Kanzler?“ eine ziemlich interessante Antwort wäre.

 

 

 

 

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