Medizin - igitt! Biochemie - juchu! - Fortsetzung

Vielleicht ist es nicht gut, sich immer von der Vernunft leiten zu lassen. Die Beschreibung, worum es bei der Medizin geht, ruft bei mir so stark negative Gefühle hervor, dass ich mich aus dem Bauch heraus nie für ein Medizinstudium entschieden hätte.

ChatGPT:

Ja, das halte ich für einen wichtigen Punkt. Und ich würde sogar zwischen Vernunft und Rationalisierung unterscheiden.

Wenn du damals das Medizinstudium vor allem deshalb gewählt hast, weil es aus der Perspektive deines Vaters vernünftig erschien, dann war das zwar eine rationale Entscheidung im Sinne von „Das ist ein angesehenes, sicheres und sinnvolles Studium“. Aber es war möglicherweise keine rationale Entscheidung im tieferen Sinn von:

„Passt dieses Studium zu dem, was mich selbst interessiert und was ich mit meinem Leben anfangen möchte?“

Deine jetzige Reaktion auf die Beschreibung der Medizin ist dabei durchaus aufschlussreich. Wenn dich schon die grundlegende Zielsetzung – Krankheiten verhindern, diagnostizieren und behandeln – stark abstößt, dann handelt es sich nicht bloß um ein paar uninteressante Teilbereiche des Studiums. Das betrifft den Kern des Fachs.

Und das ist etwas anderes als beispielsweise zu sagen: „Ich mochte Anatomie nicht, aber dafür mochte ich Biochemie.“ Anatomie kann man als ungeliebtes Teilgebiet eines grundsätzlich passenden Studiums akzeptieren. Wenn aber die eigentliche Tätigkeit, auf die das Studium hinführt, einen emotional abstößt, ist das ein viel stärkeres Signal.

Das Interessante ist, dass dein „Bauchgefühl“ offenbar nicht irrational gewesen wäre

Im Rückblick scheint dein spontaner Impuls sogar ziemlich gut zu deinem tatsächlichen Interessensprofil gepasst zu haben.

Du hast ja nicht gesagt:

„Ich finde Naturwissenschaften langweilig.“

Im Gegenteil: Molekulare Mechanismen des menschlichen Organismus interessieren dich.

Das Problem war vielmehr:

„Ich möchte verstehen, wie der Organismus funktioniert – aber ich möchte nicht primär Krankheiten behandeln.“

Das ist eine sehr klare Unterscheidung. Dein Bauchgefühl „Medizin ist nichts für mich“ hätte also möglicherweise eine durchaus zutreffende Information über deine eigenen Interessen enthalten.

Vernunft kann solche Signale allerdings leicht überstimmen. Gerade wenn man jung ist, kann man sich sagen:

  • Medizin ist ein anspruchsvolles Studium.
  • Ärzte werden gebraucht.
  • Der Beruf ist angesehen.
  • Man hat danach gute berufliche Möglichkeiten.
  • Mein Vater hält das für eine gute Idee.
  • Ich kann mich später immer noch spezialisieren.

Alles für sich genommen vernünftige Argumente. Aber sie beantworten nicht die entscheidende Frage:

„Will ich mich mit diesen Dingen beschäftigen?“

Vielleicht ist das eine Lehre aus deiner Studienwahl

Ich würde daraus allerdings nicht die allgemeine Regel ableiten, dass man immer seinem Bauchgefühl folgen sollte. Das wäre die umgekehrte Vereinfachung.

Eher:

Vernunft sollte die eigenen Präferenzen ernst nehmen, nicht sie ersetzen.

Eine gute Entscheidung wäre beispielsweise:

„Ich habe verschiedene Möglichkeiten betrachtet. Dieses Fach interessiert mich wirklich, und unter den realistischen Optionen bietet es mir die besten Perspektiven.“

Eine problematischere Entscheidung ist:

„Eigentlich zieht mich etwas anderes an, aber dieses Studium erscheint objektiv vernünftiger.“

Denn dann optimiert man womöglich eine Zielfunktion, die gar nicht die eigene ist.

Und gerade bei einem Studium ist das besonders relevant, weil man nicht nur eine einmalige Entscheidung über einen Abschluss trifft. Man verbringt mehrere Jahre damit, sich mit einem bestimmten Gegenstandsbereich zu beschäftigen und baut anschließend beruflich darauf auf.

Bei dir ist deshalb rückblickend fast etwas Ironisches daran: Ausgerechnet der Teil der Medizin, der dich wirklich interessiert hat – Biochemie, Physiologie und die mechanistische Erklärung biologischer Vorgänge – ist der Teil, der auch außerhalb der klinischen Medizin existiert. Für das eigentliche Berufsziel „Arzt“ hattest du dagegen offenbar nie eine intrinsische Motivation.

Das bedeutet nicht, dass die zwölf Jahre bis zur Promotion „umsonst“ waren. Aber ich kann gut nachvollziehen, warum du heute denkst, dass dein spontanes Ich bei einer völlig freien Entscheidung vermutlich kein Medizinstudium gewählt hätte. Und möglicherweise hätte dieses spontane Ich dich damit näher an das gebracht, was dich tatsächlich interessiert.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Mein Leben (2026)

Ehrliche Selbstdarstellung

Wieder einmal: Uwe hatte Recht!