Rückblick über 42 Jahre und 10 Monate
Am 8. Oktober 1983 wurde ich in Wien geboren. Ich habe das große Glück, als Hochbegabter auf die Welt gekommen zu sein. Das hat mir das Leben deutlich erleichtert. Zwar habe ich mich erst als Erwachsener testen lassen, aber schon vor meiner Einschulung sagten meine erwachsenen Bezugspersonen über mich, dass ich "sehr gescheit" sei, was auf dasselbe hinausläuft. In der Schule hatte ich nie ernsthafte Probleme, was auch daran lag, dass es im Gegensatz zum Medizinstudium noch nicht darauf ankam, sich große Mengen an Faktenwissen im Detail zu merken.
Ich wuchs also im Bewusstsein auf, ein "Gescheiter" zu sein. Als ich fünf Jahre alt war, erzählte mir meine Mutter von Einstein, der so gescheit gewesen sei, dass man ihm den Nobelpreis gegeben hat. Also dachte ich mir: Auch ich werde eines Tages den Nobelpreis bekommen. Effektiv wartete ich in meiner Jugend, bis ich endlich studieren durfte. Ich hatte vor, sehr gründlich zu studieren und eine Leistung zu erbringen, die zumindest nobelpreiswürdig sein würde. Auf ein bestimmtes Fach war ich nicht festgelegt, aber da meine Eltern Medizin favorisierten, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es dieses Fach werden würde.
Schon in der Schule bemühte ich mich, alles ordentlich zu lernen, weil ich glaubte, dass ich als Erwachsener in Kreisen verkehren würde, in denen alle sehr gebildet sein würden. Diesbezüglich wollte ich keine Defizite haben.
Was mir erst viel später klar wurde: Die Kinder, mit denen ich zu tun hatte und die mir nicht so intelligent vorkamen, stellten die geistige Elite des Landes dar. Ich würde tatsächlich nie mit Menschen zu tun haben, die wesentlich intelligenter sind als meine Mitschüler in Volksschule und Gymnasium. Es öffnete mir erst meine Augen, als ein Mitschüler vom Gymnasium viele Jahre nach der Matura ebenfalls dem Hochbegabtenverein Mensa beitrat. Die Mensaner waren gar nicht klüger als meine Schulkollegen, sie waren teilweise sogar eher weniger gebildet. Intellektuell mit mir selbst vergleichbare Menschen habe ich später hauptsächlich in der International Society for Philosophical Enquiry (ISPE) angetroffen, die zwanzigmal so selektiv ist wie Mensa.
Die wirklich Gescheitesten, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte, waren die Autoren der Zeitschrift PC-Heimwerker, an der ich mich ebenfalls beteiligte und mit denen ich Brieffreundschaften pflegte. Auf Platz zwei kommen einige Mitglieder der Computerkunst-Demoszene. Beide Gruppen sind kognitiv den meisten Mensanern haushoch überlegen.
An sich erwartete ich mir viel von der Uni, aber letzten Endes haben sich die Professoren als Beamte erwiesen, die nur ihre Pflicht ableisteten und ansonsten in Ruhe gelassen werden wollten. Lehrer am Gymnasium hatten über mich Dinge gesagt, die darauf schließen ließen, dass sie viel von mir erwarteten. Anstatt dass sie mich freudig in die akademische Gemeinschaft augenommen und gefördert hätten, schien ich den meisten Universitätsprofessoren jedoch eher lästig zu sein. Insgesamt war die Uni eine Enttäuschung. Insofern kann ich auch den Werdegang von Christopher Langan gut nachvollziehen, der ebenfalls mehr erwartet hatte und schließlich sein Studium abbrach, um in verschiedenen Jobs zu arbeiten und in seiner Freizeit sein Cognitive-Theoretic Model of the Universe zu entwickeln.
Ich war nicht ein extremes Wunderkind wie Michael Kearney, aber habe schon vor meinem zehnten Geburtstag einige Dinge sehr gut gekonnt, auf Erwachsenenniveau. Insofern mag die Bezeichnung Wunderkind mit Einschränkungen auf mich ebenfalls zutreffen. Man weiß inzwischen, dass die wenigsten Wunderkinder als Erwachsene zu den Besten ihres Fachs zählten. Manche, die später im Leben Spitzenleistungen erbracht haben, haben eine normale Kindheit gehabt. In meinem Fall ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass ich jemals den Nobelpreis bekommen werde. Aber zumindest verfüge ich über sehr gute Fachkenntnisse auf mehreren Gebieten, darunter Naturwissenschaften, und bin somit in der Lage, selbstständig ein Urteil über neuere Entwicklungen zu fällen.
Inzwischen verfüge ich über ein gutes Einkommen und finanzielle Reserven. Für mich als alleinstehende Person reicht das vollkommen aus. Der liebe Gott hat halt nicht gewollt, dass ich eine Familie gründe.
Zwar lese ich immer noch viel, aber eigentlich verfüge ich bereits über mehr Wissen als die allermeisten Menschen, so dass es vielleicht vernünftiger wäre, meine Zeit mit anderen Dingen zu verbringen, zum Beispiel mit Sport. Für meine berufliche Tätigkeit hätte ich die meisten Kenntnisse, die ich erworben habe, eigentlich nicht gebraucht.
Somit glaube ich, dass ich erreicht habe, was ich verdient habe, und dass das Leben weiterhin in geordneten Bahnen seinen Lauf nehmen wird.
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