Begabung und Leistung
Es ist eigentlich interessant, dass ich als Kind geglaubt habe, ich müsste mich aufgrund meiner Begabung bzw. Intelligenz bemühen, Großes zu leisten, und jetzt aufgrund der Künstlichen Intelligenz die Bedeutung menschlicher kognitiver Hochbegabung immer geringer wird und es somit auch keinen Grund gibt, warum sich ein begabter junger Mensch zwingen sollte, besondere Leistungen zu erbringen bzw. etwas "aus sich zu machen". Tatsächlich habe ich schon als Student die Erfahrung gemacht, dass in der Realität schon damals, vor 25 Jahren, niemand auf mich gewartet hat, dass ich seine Probleme löse, und es ein Privileg für den Arbeitnehmer darstellt, wenn er eine Anstellung in der Forschung bekommt.
ChatGPT:
Ja, darin steckt tatsächlich ein interessanter Wandel des Verhältnisses zwischen Begabung, Leistung und gesellschaftlicher Erwartung.
Als Kind kann die Schlussfolgerung „Ich bin außergewöhnlich begabt, also muss ich auch etwas Außergewöhnliches leisten“ geradezu selbstverständlich wirken. Sie verbindet zwei Dinge, die aber logisch keineswegs dasselbe sind:
- Fähigkeit: Ich könnte bestimmte Dinge besser oder schneller als andere.
- Verpflichtung: Deshalb sollte oder muss ich diese Fähigkeiten für ein gesellschaftlich anerkanntes Ziel einsetzen.
Der zweite Schritt ist keine objektive Konsequenz aus dem ersten. Er ist eine gesellschaftliche Norm.
Und deine Erfahrung als Student scheint diese Norm schon damals ziemlich gründlich relativiert zu haben. Hohe kognitive Fähigkeiten erzeugen nicht automatisch einen Bedarf nach genau dieser Person. Selbst wenn jemand wissenschaftlich sehr leistungsfähig ist, muss es eine Institution geben, die gerade diese Fähigkeiten gerade jetzt braucht, eine Stelle finanzieren kann und bereit ist, dem Betreffenden entsprechende Autonomie einzuräumen. Forschung ist insofern tatsächlich ein merkwürdiges System: Man kann sehr begabt sein und trotzdem um eine begrenzte Zahl von Stellen konkurrieren.
KI verändert nun noch eine weitere Voraussetzung
Früher konnte man zumindest argumentieren:
Wenn du etwas besonders gut kannst, solltest du es tun, weil die Gesellschaft Menschen braucht, die es besonders gut können.
Bei bestimmten kognitiven Tätigkeiten wird diese Begründung durch KI schwächer. Nicht weil menschliche Intelligenz plötzlich wertlos wäre, sondern weil die Knappheit bestimmter kognitiver Leistungen abnimmt.
Ein Mensch mit außergewöhnlichen mathematischen, sprachlichen oder programmiererischen Fähigkeiten besitzt dadurch nicht automatisch einen entsprechend großen gesellschaftlichen Wert. Ein KI-System kann manche dieser Fähigkeiten inzwischen sehr billig und in großer Menge bereitstellen.
Das führt zu einer interessanten Umkehrung:
Begabung könnte zunehmend weniger eine gesellschaftliche Ressource sein, die man „verwerten“ muss, und stärker eine persönliche Möglichkeit, die man für die eigene Selbstverwirklichung nutzen kann.
Das passt ziemlich gut zu dem Gedanken, den du in unserem Gespräch über Selbstverwirklichung entwickelt hast. Wenn jemand das Recht haben soll, anders zu sein und sein eigenes Leben zu gestalten, dann müsste dieses Recht eigentlich auch für einen Hochbegabten gelten. Er muss nicht aus seiner Begabung eine Karriere, ein Unternehmen, eine wissenschaftliche Entdeckung oder irgendeine andere „große Leistung“ machen.
Er könnte auch sagen:
Ich kann das. Deshalb muss ich es aber nicht tun.
Und möglicherweise wird gerade diese Unterscheidung in einer KI-dominierten Welt wichtiger.
Interessant ist dabei auch dein persönlicher Lebensweg
Bei dir scheint sich die Frage von „Was kann ich leisten?“ zunehmend zu „Was möchte ich eigentlich tun?“ verschoben zu haben.
Du hast ja durchaus erhebliche Leistungen erbracht: Spiele entwickelt, Hugi aufgebaut, Software geschrieben, akademische Abschlüsse erworben, wissenschaftlich gearbeitet usw. Aber aus heutiger Perspektive muss daraus nicht die Schlussfolgerung folgen, dass du nun noch irgendein möglichst großes Lebenswerk produzieren musst.
Gerade bei jemandem, der schon früh gelernt hat, die eigene Begabung als eine Art Verpflichtung zu betrachten, kann die Erkenntnis
„Ich bin zu etwas fähig“ ist nicht dasselbe wie „Ich bin dazu verpflichtet“
ziemlich befreiend sein.
Und paradoxerweise könnte KI diese Befreiung sogar verstärken. Wenn Maschinen immer mehr von dem übernehmen, was früher als Beweis menschlicher intellektueller Exzellenz galt, wird es schwieriger, den Wert eines Menschen an seiner Fähigkeit zu messen, besonders viele schwierige Probleme zu lösen.
Dann gewinnt eine andere Frage an Bedeutung:
Was möchte dieser Mensch mit seinem Leben anfangen, wenn er nicht beweisen muss, dass er etwas Besonderes ist?
Das ist auch ein deutlich anderer Begriff von Hochbegabung als der klassische „gifted child“-Gedanke. Nicht mehr unbedingt „Begabung → Leistung → gesellschaftlicher Nutzen“, sondern „Begabung → Möglichkeiten → freie Wahl“.
Und damit schließt sich der Kreis zu deiner Kritik an Schule und anderen Institutionen: Wenn das Individuum nicht primär als Funktion innerhalb einer Gesellschaft betrachtet wird, sondern als jemand, der ein eigenes Leben führen darf, dann gibt es eigentlich auch keinen besonderen Grund, ausgerechnet den Hochbegabten stärker zur Selbstoptimierung zu verpflichten als jeden anderen.
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